2006. April

 

Wir stellen vor: Helmut Seiler, Direktor des Ungarndeutschen Bildungszentrums

UBZ Frankenstadt/Baja - Das Ungarndeutsche Bildungszentrum in der Hauptstadt der Batschka ist eine Großeinrichtung mit vielen Abteilungen: Kindergarten (mit 100 Kindern), Grundschule von der ersten bis zur achten Klasse (mit 270 Kindern) und Gymnasium (mit 360 Schülern). Dazu kommt noch das Fortbildungsinstitut. Hier wird in erster Linie an die Tourismusbranche gedacht: unter anderen legen Tourismusassistenten, Fremdenführer und Sekretäre Prüfungen nach der einjährigen Ausbildung ab - etwa 150 Absolventen pro Jahr. Helmut Seiler, der deutsche Direktor war schon dabei, als man 1998 begonnen hat, die Deutsch- Ungarische Abteilung aufzubauen. Seine Anwesenheit ist die Garantie für das korrekte "deutsche Abitur" im Hause.

H.S.: Das Auswärtige Amt in Berlin hat mich nach Ungarn delegiert. Es wird aber nicht nur diese Abteilung, sondern inzwischen die ganze Schule personell und finanziell gefördert. Wir werden von der deutschen Seite als deutsch-ungarische Begegnungsschule betrachtet. Das macht es also erforderlich, dass ein verantwortlicher deutscher Schulleiter an der Einrichtung tätig ist.
L.K.: Was ist für das Abitur an dieser Mittelschule charakteristsch?
H.S.: Die Schüler erwerben in einer kombinierten Abiturprüfung das deutsche und ungarische Abiturzeugnis. Ein Teil der Fächer wird nach deutschen Richtlinien unterrichtet und geprüft, ein anderer Teil nach ungarischen. Deshalb wurde es erforderlich, dass diese Abteilung von einem deutschen Lehrer verantwortlich geleitet wird. Das ist eine meiner Aufgaben im UBZ.
L.K.: Sie stehen aber nicht allein an der Spitze. Neben Ihnen ist eine ungarische (ungarndeutsche) Kollegin tätig.
H.S.: Die Arbeitsteilung sieht folgendermaßen aus: ich arbeite eher nach innen, also in den Bereichen Unterrichtsprogramm, Pädagogik, Methoden, Spracharbeit, Qualitätsentwicklung, hinzu kommt der Bereich Kontakte zu deutschen Stellen, nach Deutschland, usw. Meine Kollegin, Frau Dr. Elisabeth Knab, ist hauptsächlich für die Kontakte mit den ungarischen Behörden und das Funktionieren des ganzen UBZ zuständig.
L.K.: Inwieweit ist es eine Nationalitätenschule und inwieweit eine Schule, in der sich Ungarn die deutsche Kultur aneignen können? Kann das getrennt behandelt werden oder sind diese Gebiete miteinander verschmolzen?
H.S.: Wir heißen Ungarndeutsches Bildungszentrum, und dieser Name ist mit dem Auftrag verbunden, dass wir insbesondere eine Bildungseinrichtung für die deutsche Minderheit sind. Dem Deutschunterricht und der Minderheitenkunde kommt daher eine zentrale Bedeutung zu, nur so kann Identität gestiftet werden. Vor diesem Hintergrund erfolgt die Förderung durch die Bundesrepublik Deutschland. Auf der anderen Seite haben wir natürlich sehr viele ungarische Kinder, bei denen dieser Nationalitätenhintergrund fehlt. Ihre Eltern finden: das Programm, das von unserer Schule geboten wird, ist für ihr Kind geeignet. Bei der Anmeldung der Schüler wird nicht gefragt, ob die Schüler einer Minderheit angehören. Wir wollen die Eltern mit unserem Bildungskonzept überzeugen, das - neben dem Minderheitenaspektseinen Schwerpunkt im Bereich der Sprachen und der Mathematik sowie in der Ausbildung von Kompetenzen hat.
L.K.: Wieviel Prozent der Fördergelder kommen aus Ungarn, aus Deutschland und von anderen Investoren, Stiftungen?
H.S.: Prozentuell ist es sehr schwer festzustellen. Die Schule wird von einer gemeinnützigen Stiftung getragen, die vier Gründer hat: die Stadt Baja, das Komitat Bács-Kiskun, die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und die lokale Minderheitenselbstverwaltung. Diese Gründer unterstützen uns. Die staatliche Finanzierung, also die sog. Normativen Zuweisungen, pro Schüler bekommen wir auch. Die Bundesrepublik und das Land Baden-Württemberg fördern unsere Tätigkeit durch die Delegation und Bezahlung von Lehrkräften: zur Zeit unterrichten bei uns 9 deutsche Lehrkräfte. Und wir erhalten von beiden außerdem finanzielle Unterstützung für bestimmte Projekte und für Lehr- und Lernmittel.
L.K.: Eine Frage anderer Art: Verstehen Sie Ungarisch?
H.S.: Verstehen kann ich im Alltag einiges, reden ist viel schwieriger, obwohl ich mich seit Jahren in Ungarn aufhalte. Meine Unterrichtsfächer sind Mathematik und Physik, die ich in deutscher Sprache unterrichte, um die Sprachkompetenz der Schüler zu erhöhen. In der Schule lebe ich sonst auf einer "deutschen Sprachinsel", es gibt für deutsche Lehrkräfte weniger Möglichkeiten im Alltag außerhalb der Schule mit Ungarn Kontakt aufzunehmen.
L.K.: Und wenn Eltern kommen um sich über ihre Kinder informieren zu lassen?
H.S.: Es ist erfreulicherweise nicht selten, dass sich die Eltern auf Deutsch verständigen können. Bei schwierigen Fragen muss ohnehin übersetzt werden. Und in die Sprechstunden am Elternabend bringen die Eltern ab der 11. Klasse häufig ihre Kinder mit, die dann auch übersetzen können...
Lajos Káposzta